Münzdarstellung eines Draisinenfahreres mit Vulkananmutung hinter seiner Schulter.
Staatliche Falschmünze
  © BADV
Das Bundesfinanzministerium legt Wert auf die Feststellung, dass es im juristischen Sinne gar keine Falschmünze fabrizieren kann. Demnach ist eine staatliche Münze auch dann echt, wenn sie falsch ist. D.h. im vorliegenden Fall der Gedenkmünze zum 200jährigen Jubiläum der Laufmaschine im Juni 2017, dass Fehldarstellungen offensichtlich hingenommen werden. Leider enthält der Entwurf drei Fehler:
Und zwar wird der Erfinder des ersten einspurigen Zweirads der Welt Karl Drais benannt. Er hieß jedoch Karl von Drais. Warum ihn in heutiger Zeit ein Professor eigenmächtig über mehr als drei Jahrzehnte im Lebenslauf rückwirkend ent-adelt hat, bleibt ein Rätsel. Immerhin hatte der Freiherr während der Badischen Revolution 1849 seinen Adelstitel vorrübergehend abgelegt, aber das hat mit der spektakulären Erfindung von 1817 nichts zu tun.
Im Hintergrund des Münzentwurfs ist schemenhaft eine rauchende Erhebung zu sehen, die den indonesischen Vulkan Tambora darstellen soll. Dessen Ausbruch 1815 wiederum war angeblich die Initialzündung für die Erfindung des Fahrrads bzw. seines Vorläufers. Dies zumindest behauptet der besagte Professor der Physik, Hans-Erhard Lessing. Er verweist auf die damals weltweiten Aschewolken, die zu einer Klimaverschlechterung und Ernteeinbußen geführt hatten. Seine Schlussfolgerung jedoch, dies müsse in Mannheim ein massenhaftes Pferdesterben wegen Futtermangels ausgelöst haben, ist ohne jeden Beleg. Die Rheinebene war sowieso weniger stark betroffen. Laut Mannheimer Intelligenzblatt vom 3. und 24. Juni 1817 war die Versorgung von Mensch und Tier gesichert. Damit entfällt das Argument, ein Pferdemangel habe den Freiherrn von Drais dazu inspiriert, einen Pferdeersatz zu erschaffen. Insofern ist auch die pferdelose Kutsche als Symbol im Münzentwurf ein Fake. Zumal ein reger Kutschverkehr im Mannheimer Intelligenzblatt vom Frühjahr 1817 nachgewiesen ist.


Das Bundesfinanzministerium hatte die Wahl zwischen Münzkorrektur und Blamage. Angesichts der fortgeschrittenen Münzvorbereitungen haben sich seine Vertreter für die Blamage entschieden. Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte zwar, dass die Hypothese vom Einfluss des Vulkans Tambora auf die Laufmaschinen-Erfindung "nicht eindeutig belegt und daher umstritten" ist, verwies aber gleichzeitig auf eine künstlerische Gestaltungsfreiheit beim Münzentwurf. Eine derart faktenunabhängige Werkauffassung erinnert jedoch stark an die Nonchalance des bekannten Kunst- und Geschichtsfälschers Konrad Kujau. Den Medailleur der Laufmaschinen-Gedenkmünze trifft keine Schuld. Er hatte sich gutgläubig an den Falschdarstellungen auf Wikipedia orientiert. Diese gehen auf den Erfinder der Tambora-Zweirad-Hypothese zurück. Ausgerechnet er war nun Fachberater der Münzgestaltungsjury und konnte so sein eigenes Echo absegnen: Prof. Lessing, in den Medien zuweilen Fahrradpapst genannt, braucht die Falschmünze als Pseudo-Beleg für seine unbewiesene Theorie.
Die baden-württembergische Finanzministerin Edith Sitzmann, die sich gerne bei Fototerminen mit den neugeprägten Münzen in Szene setzt, war vorgewarnt vor dem Fettnäpfchen mit der staatlichen Fehlleistung. Sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, dann doch reinzutreten. Und an ihrer Seite weilte in der Karlsruher Münzanstalt am 26. April 2017 kein Geringerer als der Verursacher des märchenhaften Münzschwindels.
Ab 13. Juli 2017 sollen 930 000 dieser sonderbaren Münzen in Umlauf gebracht werden. Darüber spottet Pryor Dodge, amerikanischer Fahrradhistoriker: "Was für eine Horror-Schau!"
                                                           Jost Pietsch, München

Siehe auch: www.fahrrad-history.de

Druckversion PDF